Wann und wie “Kreativität” entsteht

Das Wort “Kreativität” ist so ein Wort, zu dem jeder eine andere Vorstellung hat – wenn wir auch alle etwas ähnliches darin ahnen. Hier möchte ich beschreiben, wie wir uns in einen “kreativen” Zustand bringen können. Das ist nämlich gar nicht so einfach. Doch eine gute Nachricht vorab: Jede und jeder kann kreativ sein!

Photo by Tim Mossholder on Unsplash

Zum Start hier eine populäre, wenn nicht sogar „offizielle“, Definition: “Kreativität ist die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, was neu oder originell und dabei nützlich oder brauchbar ist.” Das klingt zunächst verblüffend: Denn wozu soll ein tolles, kreatives Urlaubsbild „brauchbar“ sein? Und wieso geht jemand auf eine Schreibreise – wenn er doch nur Tagebuch schreibt und daraus kein Buch macht? 

Unterscheidungsmöglichkeiten von Kreativität

Zunächst kann man natürlich zwischen „freier“ und „beruflicher“ Kreativität unterscheiden. Und gerade dann ist die „Brauchbarkeit“ ein gutes Regularium: Denn wozu gehst du denn auf Schreibreisen? Wieso willst du denn schönere Urlaubsbilder schießen? Vielleicht nicht, um danach etwas zu veröffentlichen. Und möglicherweise willst du deine Freundinnen und Freunde nicht einmal via Facebook oder Instagram auf dem Laufenden halten. Ein guter Grund könnte aber sein: Weil es dir bei der “Kreativität” gut geht – und du folglich davon einen Nutzen hast. Sei es, dass du dich selbst ein wenig besser kennenlernst – oder dass du für deine Freunde eine tolle Diashow über deinen Thailand-Urlaub zusammenstellen kannst. 

Und natürlich: Ein bisschen „Stolz“ auf gute Ergebnisse ist immer mit dabei. Wenn wir etwas machen, was uns gefällt, fühlt sich das gut an – das lässt sich sogar über die Biochemie erklären. Aber dazu später.

Also ist diese Definition oben auch für „Freizitkreative“ sehr passend. Wobei du deine in einem Kreativseminar erworbene Fähigkeit auch durchaus in deinen Job mitnehmen kannst. Vor allem, wenn du das nach den „4modes“, die ich hier vorstellen werde, gestaltest. 

Welche Voraussetzungen benötigt Kreativität?

Wir wollen also etwas Neues oder etwas Originelles erschaffen. Knapp gesagt brauchen wir dazu drei Dinge: 

  • die Fähigkeit, mit den dafür notwendigen „Werkzeugen“ umzugehen, 
  • einen freien Raum, in dem es entstehen kann, und
  • eine Idee oder zumindest eine Richtung. 

Das sind durchaus sehr unterschiedliche Voraussetzungen. Und deshalb reicht es nicht, mal eben auf ein Mal-Wochenende zu fahren, um ein großes Werk zu produzieren. Denn, ich erinnere: Du benötigst Fähigkeiten, Freiheit und eine Richtung. 

Die Forschung dazu ist leider etwas dünn – überraschenderweise. Das ist ja mit vielen, nicht wirklich greifbaren Phänomen so. Und das trifft auf Kreativität mit Sicherheit zu. Doch es gibt zwei plausible Richtungen, mit denen man das folgende Konzept begründen kann: 

Die Motivation spielt die eine Rolle

Die Motivation spielt vor allem bei „beruflicher“ Kreativität eine Rolle. Doch ich finde die Ergebnisse sehr interessant: Der Psychologe Dan Pink konnte nachweisen, dass die Motivationsfaktoren für „komplexe“ Aufgaben (und dazu gehört Kreativität ganz sicher) nicht Geld, sondern Autonomie, Können und Sinn sind. Du wirst also nicht auf Knopfdruck oder wegen der Hoffnung auf 1.000 € kreativ, sondern, weil du es kannst und einen Sinn dahinter siehst. (https://www.ted.com/talks/dan_pink_the_puzzle_of_motivation?language=de

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Die Gehirnchemie spielt die andere Rolle

Die gar nicht mehr so junge Erforschung der Gehirnchemie zeigt uns verblüffend deutlich, in welchem „Zustand“ Kreativität möglich ist. Oder, zunächst einmal, in welchem Zustand sie NICHT möglich ist: zum Beispiel, wenn du einen engen Termin hast und schlechter Laune bist. Denn dann hast du eine Menge Adrenalin oder Cortisol im Blut und diese fokussieren deine Wahrnehmung und engen damit deine gedanklichen und damit gestalterischen Fähigkeiten ein.

Diese beiden Hormone sind – in Maßen – gut dafür, ein einmal erdachtes „Projekt“ zu Ende zu bringen. Aber für die Gestaltung ist eher Serotonin oder Dopamin zuständig. Diese werden bei Wohlgefühl und “in Freiheit” ausgeschüttet. Übrigens ist dies auch ein Grund dafür, dass wir auch unter den strengen Augen eines erfahrenen Trainers manchmal nur Mist produzieren – vor Aufregung, etwas falsch zu machen. Du kennst das, oder?

Also: Für den Akt des „Erschaffens“ benötigen wir Freiheit und Sinn. Dann kann Kreativität entstehen. Allerdings haben wir nur einen Teil der Wahrheit betrachtet: Denn am Ende muss ein “Werk” ja auch fertig werden (dafür ist dann etwas Adrenalin ganz hilfreich”. UND: Ohne Input kein Output. Wie also kommt das in uns rein, was wir dann zu einem Werk entwickeln?

Die „4modes“ rund um die Kreativität

Nun stelle ich dir unser „4modes“-Modell vor, mit dem wir die verschiedenen Zustände beschreiben, die für eine kreative Arbeit notwendig sind. Dieses basiert auf den wissenschaftlichen Ideen weiter oben, auf Erfahrung und schlichtweg auf Logik. 

Der Trick dabei ist, dass wir nicht nur den Moment, in dem wir etwas erschaffen, beobachten, sondern auch die darauffolgende Produktionsphase und auch zwei Phasen, in denen neue Gedanken (also Werkzeuge und Fähigkeiten) aufgenommen und verarbeitet werden. 

Hier die vier „Modes“ im Einzelnen: 

Learn Mode

Bevor etwas „raus“ kann, muss ja etwas hinein. Wenn wir an die Definition weiter oben denken („was neu oder zumindest originell ist“), wird eindimensional erworbenes Wissen wenig kreativ sein. Will sagen: Wenn du alles über Fotografie gelernt hast – kannst du zwar technisch perfekte Fotos machen. Aber kreativ werden sie vermutlich nicht sein. Und wenn du alles über „Wie schreibe ich einen Roman“ gelesen hast, weißt du genau, wie du an dein Thema herangehen kannst. Aber: an welches Thema? 

Um kreativ zu sein, lohnt sich also „Disjointed Learning“, also zusammenhangloses Lernen: Du interessierst dich für Grundlagenphysik, Gartenarbeit und du fotografierst gerne? Ich bin mir sicher, dann wirst du interessante Ergebnisse zutage bringen. Du unterhältst dich mit deinen Großeltern über deren Kindheit, reparierst mit Begeisterung dein Auto und möchtest gerne Kurzgeschichten schreiben? Da wird etwas Neues oder Originelles herauskommen. 

Mit anderen Worten: Kreativität kann nur durch neue Verknüpfungen entstehen. Und das benötigt nicht unbedingt eine klassische, humanistische Bildung – aber es benötigt zusammenhangloses Wissen aus verschiedenen Bereichen. 

Tätigkeiten, die sich für den Learn Mode eignen: 

  • Seminare (Webinare und, vor allem, Präsenzseminare)
  • Sachbücher (und natürlich gute Belletristik)
  • Gespräche jeglicher Art
  • Events, bzw. Besuche von Orten, wo man noch nicht war

Default Mode

Unser Gehirn hat eine interessante Gemeinsamkeit mit der Tiefsee und dem Weltall: Alle drei „Systeme“ sind nur zu einem kleinen Teil erforscht. Die Neurowissenschaften können bisher nur ahnen, wie wir Menschen diese unfassbare Zahl von Reizen, denen wir jeden Tag ausgesetzt sind, verarbeiten. Ein sehr wahrscheinliches Modell ist dieses: Grundsätzlich nehmen wir alles, was wir sehen, hören, spüren, riechen und schmecken auf – doch gut trainierte Filtermechanismen lassen nur das ins Bewusstsein, was momentan wichtig erscheint, 

Wenn du also mit dem Auto durch die Stadt fährst, siehst du Ampeln, die anderen Autos und für einen geübten Fahrer ist es möglich, sich nebenbei zu unterhalten. Aber all die Werbung, die Schaufenster, Menschen auf dem Trottoir und die Bewölkung tritt in den Hintergrund. Du nimmst das zwar nicht wirklich wahr – aber du nimmst es auf. Wenn du schließlich zu Hause bist, wirst du wissen, wie das Wetter war und vielleicht fällt dir sogar ein, dass du ein Plakat deiner Lieblingsband gesehen hast. Oder kennst du das: Du biegst um eine Ecke und dir fällt ein, welche Musik du gehört hast, als du hier irgendwann mal unterwegs warst?

Was passiert aber mit all diesen im Moment „unwichtigen“ Informationen? Wir behalten  sie in einem Speichermodus, der es erlaubt, dass sie – vor allem im Schlaf – in die bisherigen Erfahrungen, Wahrnehmungen und Schlussfolgerungen „einsortiert“ werden. Traumforscher sprechen hierbei von einem „Mustervergleich“: Während wir träumen werden die kurzfristig abgelegten Informationen hervorgeholt, bewertet und in die persönliche Erinnerungswelt eingebaut. 

Hierbei werden dann die Verknüpfungen gemacht, die wir für neue und originelle Ergebnisse in kreativen Prozessen benötigen. Kurz gesagt: Erst durch den Müßiggang, bei dem das Gehirn in den sogenannten „Default Mode“ geht, wird aus dem zuvor Gelernten auch brauchbares Material für die Kreativität. 

Die gute Nachricht ist also: Nur, wenn du dich auch entspannst, kannst du später kreativ sein. 

Tätigkeiten, die sich für den Default Mode eignen: 

  • Schlafen (mehr als die absolut notwendige Zeit)
  • Meditieren
  • Tagträumen
  • Spaziergänge

Creativity Mode

Wenn wir unser Unterbewusstsein schließlich mit verknüpfbaren Erlebnissen gefüllt und diese verarbeitet haben, können wir daraus Neues oder Originelles erschaffen. Dafür gibt es eine Menge Techniken und Tools. Und natürlich Seminare auf kreativreisen.de. Wobei es vermutlich nicht immer eindeutig ist, ob ein Seminar zum (disjointed) Lernen, für die Verarbeitung oder für die Schaffensphase optimal ist. Im Idealfall für alles. 

Wichtig in dieser Phase ist unsere Gehirnchemie: Alles, was uns stresst, stoppt die motivierende und erschaffende Wirkung von Serotonin und Dopamin. Es gibt immer entweder Stress ODER Entspannung, Fokussierung ODER weites Denken. Und da für Menschen „Angst“ immer Vorrang hat, wird der Stress gewinnen. Ein Seminar, in dem die Teilnehmer also gleich zu Beginn in Stress geraten (warum auch immer) wird weniger kreativ sein. 

Merke: Bleibe so lange wie möglich in einem „Kuschelmodus“, lasse alle Ideen zu und verwerfe, was dir nicht gefällt. Ganz ohne Zeitdruck. Bleibe so locker wie möglich. 

Tätigkeiten, die sich für den Creativity Mode eignen: 

  • (Kreativ) Schreiben
  • Zeichnen und Malen
  • Kreatives Problemlösen
  • Spiele (ohne Gewinnabsicht)

Focus Mode

Und am Ende sollte dann ein Produkt entstehen. Das gehört meiner Meinung nach untrennbar zum kreativen Prozess (siehe Definition). Im Idealfall schließt sich nach dem Creativity Mode, der frei von Angst und Termindruck ist, eine klar definierte Produktionsphase an. 

Zuvor muss vielleicht aus den vielen Möglichkeiten, die zuvor angefacht wurden, eine ausgewählt werden. Aber spätestens dann geht es – am besten unter gewissem Zeitdruck – los. Nun konzentrieren wir uns auf das Endprodukt und nehmen den Druck als Geschenk entgegen. Denn dieser verursacht einen (ertragbaren) Stress und fokussiert den Blick auf das, was nun zu tun ist. 

Im Focus Mode sollte es nicht mehr um viele Wahlmöglichkeiten gehen, sondern um die Fertigstellung. Die kreativen Weichen sind gestellt – nun geht es voran. 

Natürlich lassen sich diese beiden Phasen (wie auch die anderen) nicht immer klar voneinander trennen. Doch: Wenn sich der Künstler bei der Produktion jede Zeit der Welt nehmen kann, wird vermutlich niemals ein Produkt entstehen. 

Tätigkeiten, die sich für den Focus Mode eignen: 

  • Artikel oder Bücher redigieren
  • Reinzeichnen von Grafiken
  • Umsetzung von Kampagnen
  • Spiele mit Gewinnabsicht

Kein Prozess sondern ein Kreislauf

Vor allem, weil sich die Phasen nicht wirklich scharf voneinander trennen lassen, handelt es sich bei den 4modes eher um einen Kreislauf – der innerhalb einer kreativen Produktion vermutlich mehrfach durchlaufen wird. 

Ein Beispiel: Wenn ich ein Seminar vorbereite, beschäftige ich mich mit dem Thema (Learn Mode) und verknüpfe (Default Mode) das mit meinen vorhandenen Erfahrungen. Dann versuche ich eine erste Integration von Ideen (Creativity Mode) und beobachte, wie das funktionieren kann (Focus Mode). Vielleicht fehlen noch Bestandteile (> Learn Mode) oder es wirkt unrund (> Default Mode) oder ich brauche noch mehr Ideen (> Creativity Mode) um diese – irgendwann auch endlich mal final – zu produzieren (Focus Mode). Dabei versuche ich jeweils mir klarzumachen, in welchem Modus ich gerade bin. Das spart Zeit und Nerven.

Wichtig ist mir vor allem, dass ich im Laufe eines solchen Prozesses immer (wieder) in allen vier Phasen bin. Und es hat sich auch für mich gezeigt, dass ich im Laufe einer Woche ebenso Zeit in jedem Mode verbringen will – auch, weil es sich gut anfühlt. Unabhängig davon, ob ich gerade etwas produziere oder nicht. 

Wie du das für dich einsetzen kannst

Schon die Erkenntnis, dass es diese vier Modes gibt, hat mir geholfen. Denn wenn ich sie voneinander trenne, kann ich die jeweilige Etappe immer etwas besser erledigen. Wenn es also darum geht, etwas „fertigzumachen“, arbeite ich mit klaren (und teilweise knappen) Terminen. Das verursacht einen gut ertragbaren Stress, der meinen Blick und damit meine Arbeit fokussierter werden lässt.

Und, eine wichtige Erkenntnis, die meinem allgemeinen Wohlbefinden sehr gutgetan hat: Wenn ich im Zug sitze, und vor mich hin tagträume, dann bleibe ich ganz entspannt – weil ich nun weiß, dass dies ein wichtiger Zustand auf dem Weg zu einem kreativen Ergebnis ist da in dieser Zeit mein Unterbewusstsein seine Arbeit tun kann.

Seit ich mit den „4modes“ arbeite, gehe ich auch ganz anders in Gespräche oder Seminare: Ich versuche nicht nur das Naheliegende zu erfahren, sondern nehme mir die Zeit und Ruhe, auch nach anderen Feinheiten Ausschau zu halten: Was hat mein Gegenüber denn sonst noch zu erzählen? Wie wird das Seminar präsentiert? Was kann ich davon lernen? Wenn ich schon im Learn Modus bin, will ich möglichst viel lernen…

Was ich damit meine: Wir haben im Laufe jeden Tages die Möglichkeit, für uns und unsere Kreativität etwas Gutes zu tun. Und du wirst einen interessanten Effekt spüren, wenn du die Stationen deines Tages an diesem Modell prüfst. Dann 

Kreativ sein auf Reisen?

Unbedingt! Es gibt richtig viele Gründe, das alles in eine wunderbare Reise zu betten. Auf Reisen lernst du, hast hoffentlich auch etwas “Offline-Zeit” und vor allem auch mal mehr als eine oder zwei Stunden für die kreative Arbeit. Hier einige Gedanken für deine Kreativreise, die du vielleicht auf kreativreisen.de findest: 

  • Schätze selbst ein, ob du in deiner kreativen Absicht gerade mehr lernen, mehr verarbeiten, mehr erschaffen oder mehr produzieren willst. Beachte das bei der Auswahl der Reise – prüfe die Seminarbeschreibung sehr genau.
  • Falls du schon zehn Fotoreisen in die schönsten Länder der Welt gemacht hast: Wie wäre es mit einem Schweißkurs? Dabei lernst du etwas völlig Neues UND wirst die Möglichkeit auf großartige Fotos haben. Also lerne nicht eindimensional, sondern „disjointed“. 
  • Eine gute Seminarleitung wird nur in wenigen Fällen mit Vollgas starten – sondern immer in aller Ruhe dafür sorgen, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Zeit „zum Ankommen“ haben und sich kennenlernen.
  • Lass dir nach der Reise ein wenig Zeit, bevor du sie bewertest. Denn manchmal brauchen die Dinge ein paar Tage, um an die Oberfläche zu geraten.

Und, noch eines: Entscheide aus dem Bauch heraus. Nur, wenn du wirklich Vertrauen zu deinem Unterbewusstsein hast, kann es dir helfen.

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