Kreativ Schreiben ist nicht immer Kreativ Schreiben

Vorsicht: Dieser Beitrag kann verwirren. Aber ich halte ihn für notwendig – damit du von deinem Kreativ Schreiben Seminar nicht enttäuscht wirst. Denn, was „Kreativ Schreiben“ eigentlich ist, versteht jeder ein bisschen anders. Also: Der Versuch einer Erklärung.

Kreativ Schreiben

„Kreativ“ ist kreativ zu verstehen

Wenn wir – natürlich wieder – die Wikipedia befragen, ist erst einmal alles klar: „Kreatives Schreiben geht damit über klassischen Schreibunterricht hinaus, indem der Schwerpunkt auf den Prozess des Schreibens selbst gelegt und ‚durch assoziative, gestaltende und überarbeitende Methoden trainiert‘ wird.“ Und: „Eine einheitliche Beschreibung dessen, was kreatives Schreiben umfasst, lässt sich kaum geben, weil die Ansätze sich in Grundlagen, Methoden und Zielen zum Teil sehr stark unterscheiden.“

Und ich gehe noch viel weiter: Es wird gar nicht immer „Kreativ Schreiben“ drin sein, wenn „Kreativ Schreiben“ drauf steht.

Und das muss nicht an dem Veranstalter eines Kreativ Schreiben Seminars liegen: Vor einigen Jahren habe ich begonnen, an der Akademie der Bayerischen Presse „Kreativ Schreiben Online“-Kurse zu halten. Also „klassisches“ Schreibtraining mit Kreativität-Elementen und fiktionalem Storytelling, sogar mit einer kleinen Haiku-Übung. Hinzu kam am Anfang – weil es ja „online“ ist – auch ein bisschen Suchmaschinen-Optimierung, Online-Themenrecherche und etwas Webseiten-Layout.

Was denkst du, was die Teilnehmer am meisten interessiert? Genau: SEO und die Diskussion, wie Menschen online lesen. Den Kreativ-Input mochten die Teilnehmer, aber bitte nicht zu lange. Und das mit dem Haiku schreiben, fanden zwar alle großartig – aber auch irgendwie verzichtbar. Nun, das sehe ich anders, aber man ist ja Dienstleister.

Also: Die Spannbreite zwischen Kreativ Schreiben und – nennen wir es vielleicht „kreativer Schreiben im Business“ kann sehr groß sein. Aber keine Sorge, wir bekommen das in ein System.

Wie könnte man das systematisieren?

  • Manuelle Fertigkeiten: Dazu gehört, wie man Wörter digital oder analog manifestiert. Das kann also in ein hübsches Moleskine oder auf iPad sein. Ich denke, wenn wir über „Kreativ Schreiben“ reden, sollte diese Stufe schon als „erreicht“ gelten. Ich rate deshalb jedem Teilnehmer, der noch mit zwei Fingern auf der Tastatur herumprügelt, zu lernen mit zehn Fingern zu schreiben. Und das liegt nicht daran, dass ich „alte Schule“ oder so predige. Sondern: Wenn du dein Gehirn – auch unbewusst – damit beschäftigst, welcher Buchstabe wo auf der Tastatur zu finden ist, dann wirst du die dafür benötigte Energie nicht für den Schreibprozess verwenden können. Deshalb: Lerne 10-Finger. Und wenn du mit einem Füller in ein Heft schreibst, ist das sicherlich direkter und persönlicher, manche brauchen und wollen das. Aber es dauert halt länger…
  • Rechtschreibung und Grammatik: Weniger wichtig für „Kreatives Schreiben“ halte ich die richtige Rechtschreibung und eine perfekt Grammatik. Na gut, es ist schon wichtig, so zu schreiben, dass es der Leser versteht. Aber warum nicht mal ein neues Wort schöpfen – wenn es verständlich ist? Und ob alles wirklich korrekt geschrieben ist, das kann man nach dem kreativen Prozess immer noch herausfinden und korrigieren. Darüber denken wir „beim Schreiben“ vielleicht nicht so viel nach. Wir brauchen ja unser ganzes Hirn und Herz für die Kreativität.
  • Recherche, Inhalt: Hier teilt sich nun die fiktionale Schreiberei von der pragmatischen. Eine Kurzgeschichte kann man sich manchmal einfach so ausdenken, einen Fachartikel allerdings nicht. Deshalb gibt es hier völlig unterschiedliche und nicht zu vereinende Ansätze. Mache vor einer Kreativreise deshalb unbedingt klar, was dort geschrieben wird. Meist sind solche Urlaube ja die Möglichkeit, endlich mal ins „Kreative“ – und damit ist das fiktionale gemeint – einzutauchen. Aber auch darin gibt es große Unterschiede: Wird dort eine Kurzgeschichte geschrieben? Geht es um das Schreiben einer Biografie (was häufig dann noch einen psychologischen Aspekt beinhaltet) oder soll ein Roman-Projekt voran getrieben werden. Alles könnte unter „Creative Writing“ passen – aber du brauchst DEINEN Kurs!
  • Die Wort- und Satz-Findung, Stil: Ein guter Seminar-Leiter wird versuchen, dich zu deinem eigenen Stil zu bringen. Ein wirklich großartiger Seminar-Leiter wird versuchen, dir zunächst alle Stil-Phantasien auszutreiben – damit du vor allem klar und deutlich schreibst. Und erst später vielleicht wieder einen professionellen Stil entwickelst. Aber im Grunde will ich diesen Punkt deinem Seminar überlassen, dies ist häufig der wichtigste Lern-Inhalt. Der allerdings nur wirklich gut gelernt werden kann, wenn alle anderen Punkte gerade keine Rolle spielen.
  • Struktur-Elemente: An eine Überschrift denken wir zumindest fast immer. Aber was ist – bei fiktionalen Texten und bei Sachtexten – mit dem Einstieg und dem Schluss? Gibt es Zwischenüberschriften, die den Text strukturieren? Und, wenn wir online denken, was ist mit dem Title-Tag und der Description. Ich erwähne das vor allem, weil zumindest die letzten zwei vermutlich kein Lernhinhalt eines Kreativ Schreiben Seminars ist. Aber du weißt nun, dass du das noch nacharbeiten kannst.
  • Layout, Grafik: Das haben wir meist nicht im Griff. Und es spielt beim eigentlichen Schreiben auch keine Rolle. Doch der Vollständigkeit halber sei auch erwähnt, dass JEDER Text nur gut wirken kann, wenn er gut präsentiert wird.

Richtig „kreativ“ wird das Schreiben bei Kurzgeschichten und Gedichten

Vielleicht eine Faustregel: Die einen möchten „kreativer“ schreiben (etwa wie meine Teilnehmer in der ABP). Sie möchten eleganter formulieren, sicheren Stil entwickeln, das richtige Wort (vielleicht sogar für Google) verwenden und klar verstanden werden. Aber all das für eine „Geschäftsinformation“ – nämlich als Produktinformation, Ratgeber oder bestenfalls Blogbeitrag.

Die anderen möchten Kurzgeschichten oder Gedichte schreiben. Sie haben keinen Redaktionsplan, sondern vielleicht eine Idee und den Drang, ein „Werk“ zu erschaffen. Das ist natürlich etwas ganz anderes. Hier beschäftigst du dich dann mit Storytelling, der Heldenreise und vielleicht mit dem Erarbeiten von Charakteren. Das eigentliche „Schreiben“ ist da fast schon ein Hintergrundrauschen und wird beim Schreiben oder danach geglättet.

Nachvollziehbar, dass die einen mit den anderen wenig zu tun haben. Und ich bin manchmal verblüfft, wie Teilnehmer schauen, wenn ich ihnen empfehle, doch mal etwas Literarisches zu schreiben – weil sie es drauf haben. Manchmal sehe ich da tatsächlich so etwas wie Angst in den Augen…

Also höchste Aufmerksamkeit bei der Seminarbeschreibung

Ich weiß, das klingt überraschend. Und das war es am Anfang für mich auch auch. Aber vielleicht hilft es dir zu entdecken, was du eigentlich lernen möchtest. Vermutlich findest du auch in unserer Datenbank viel mehr Kurse, mit denen du lernst, deine Biografie zu schreiben oder einen Roman zu entwickeln, als ein Schreibkurs für Sachtexte. Aber du kannst anhand der Seminarbeschreibung jetzt erkennen, ob mehr Gewicht zum Beispiel in die Recherche als auf den Stil gelegt wird.

So, und jetzt los!

Kreativreise suchen